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Welche Welt wollen wir für uns und für unsere Kinder?

Sie haben es sicher auch gemerkt: Das Wetter schlägt Kapriolen, der Meeresspiegel steigt, die Pole schmelzen. Stürme, Überflutungen, Waldbrände und Dürren werden stärker und verheerender. Der Klimawandel wartet nicht länger in einer entlegenen Zukunft – er ist bereits da.

Auf der Klimakonferenz in Paris wurde 2015 vereinbart, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 °C im Gegensatz zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Die Zeit drängt: Der Sonderbericht des Weltklimarats IPCC von 2018 sagt aus, dass wir diese Gradzahl schon zwischen 2030 und 2052 erreichen werden, wenn der aktuelle Erwärmungstrend anhält.[1] Bei unverändertem Kurs kann uns eine +4°C Welt schon 2084 erwarten.[2]

 

„Im Jahr 2052 wird die Welt mit Schrecken auf weitere Änderungen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts blicken. Der sich selbst verstärkende Klimawandel wird die Sorge Nummer 1 sein.“

JØRGEN RANDERS, AUTOR DER STUDIE A GLOBAL FORECAST FOR THE NEXT FORTY YEARS DES CLUB OF ROME 2012

 

Die nötigen Maßnahmen weiter hinauszuzögern, ist ein Spiel mit dem Feuer: Viele Forscher gehen nämlich davon aus, dass wir es nicht mit einer linearen Entwicklung zu tun haben. Sollte die globale Erwärmung ungebremst weitergehen, könnten diverse Kipp-Elemente – dazu gehören die großen Eisschilde der Polkappen, die Meeresströmungen und die tropischen Regenwälder – ihren Kipp-Punkt überschreiten. Sie sind so etwas wie Organe des Ökosystems der Erde. Wenn sie ausfallen, droht eine Art multiples Organversagen: Das könnte einen drastischen, sich selbst beschleunigenden Prozess lostreten, der eine Kettenreaktion im Klimasystem auslöst, die gravierende Folgen für den Meeresspiegel, die globalen Temperaturen und die Klimazonen hat.

Der Klimawandel nimmt gerade erst richtig Fahrt auf. Die Eisschmelze in der Arktis und in Grönland übertrifft alle Erwartungen. Die Antarktis zerbricht entgegen früherer Annahmen, der Nordatlantikstrom schwächelt. In den letzten vier Jahren gab es einen krassen Temperatursprung, von +0.17°C – so viel wie sonst in zehn Jahren.[3]

Die Folgen des Klimawandels treffen in verheerender Weise auf die Folgen der Zerstörung von Regenwäldern für die (industrielle) Landwirtschaft und auf die Folgen von Überfischung, Vermüllung und Versauerung der Ozeane. Zusammen mit dem sechsten großen Artensterben befinden wir uns in einer existenziellen Krise, in der unsere Lebensgrundlagen vernichtet werden.

Und wie wird auf diese existenzielle Krise reagiert? Sie wird noch nicht einmal deutlich angesprochen. Unser politisches und unser wirtschaftliches System versagen, wenn es darum geht, Maßnahmen für den Erhalt unserer faszinierenden Natur, komplexer Ökosysteme und eines stabilen Klimas zu ergreifen.

Der Klimawandel ist seit gut 30 Jahren in seinen Grundzügen verstanden.[4] Jeder der Sektoren Energie (inkl. Wärme), Landwirtschaft (vor allem Produktion von Tierprodukten) oder Verkehr allein kann die Klimakatastrophe herbeiführen. Wir brauchen also eine radikale Transformation in allen Bereichen. Die von der Lobby gern zitierte Wachstumsideologie der freiwilligen Selbstverpflichtungen und des freien, unregulierten Marktes führt nicht zum Ziel. Der Markt regelt halt nur den Markt. Lösungen werden dadurch v.a. in den Sektoren Landwirtschaft und Verkehr blockiert. Währenddessen freut sich die Transportindustrie, dass die Nordwestpassage der Arktis häufiger eisfrei sein wird. Angetrieben von der neoliberalen Ideologie eiern unsere Regierenden um echte Lösungen herum.

Dabei wissen wir ziemlich genau, was Sache ist:

 

Die Fakten zum Klimawandel

Der Klimawandel ist menschengemacht. Unsere Lebensweise ist derzeit der Hauptverursacher der globalen Erwärmung – unsere Autos, unsere Fabriken, unsere Flugzeuge, unsere fleisch- und milchlastige Ernährung. Und diese Erkenntnis unterstützt eine überwältigende Mehrheit der Klimastudien: 97 Prozent.[5]

Der Klimawandel ist da. Jedes der letzten drei Jahrzehnte war wärmer als das vorhergehende.[6] Die wärmsten Jahre seit Beginn der Klimaaufzeichnung lagen in der Zeit von 2001 bis 2017.[7]

Verantwortlich sind die Treibhausgase Wasserdampf, Lachgas und Methan – und Kohlenstoffdioxid. Mit jeder Tonne CO2, die in die Atmosphäre gelangt, verschwinden in der Arktis drei Quadratmeter sommerliches Eis. Für einen Flug von Berlin nach New York fallen gut anderthalb Tonnen CO2 an, macht viereinhalb Quadratmeter Eis weniger – pro Person. Ein Jahr Autofahren im Mittelklassewagen, also rund zwölftausend Kilometer Strecke, kosten sechs Quadratmeter. Und eine vierzehntägige Schiffsreise auf einem der modernen Kreuzfahrtschiffe: über zehn Quadratmeter pro Person.[8]

Der Klimawandel betrifft uns alle. Deutschland ist auf Rang 18 der am stärksten vom Klimawandel betroffene Industrienationen.[9] 2018 leidet Deutschland und ganz Europa unter einer Rekorddürre.[10] Und 22,5 Millionen Menschen fliehen laut UNHCR jährlich – bedingt durch Extremwetter und Klimawandel, weil ihnen in ihrer Heimat durch klimatische Veränderungen die Lebensgrundlage entzogen ist.[11]

Und der Ist-Zustand ist tödlich. Umweltverschmutzung und Klimawandel haben ein Artensterben bewirkt, dem seit 1970 rund 60 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten zum Opfer gefallen sind. Seit dem Beginn der Zivilisationsgeschichte haben wir rund 83 Prozent aller wildlebenden Tierarten ausgerottet und die Hälfte aller Pflanzenarten.[12]

Die Zeit des verantwortungsvollen Handelns ist überfällig. Es ist fünf nach zwölf. Die Klimaforscher Rockström/Schellnhuber et al. veröffentlichten im März 2017 einen Fachartikel mit dem Titel „A Roadmap for Rapid Decarbonization“ im Wissenschaftsmagazin Science: Um die Ziele von Paris einzuhalten, dürfen wir weltweit bis 2100 nicht mehr als maximal 700 Gigatonnen CO2 emittieren– wobei selbst dann nicht völlig sicher sei, dass wir die zwei Grad auch tatsächlich einhalten.[13] Aktuell setzen wir jedoch rund 41 Gigatonnen des Klimagases im Jahr frei. Wenn wir ungebremst so weitermachen, würden wir die Grenze der Forscher also schon in zwanzig Jahren überschreiten. Wir müssen CO2 einsparen. Und das ist schwierig, denn das CO2, das wir täglich freisetzen, steckt in allem, was wir tun: in der Art, wie wir uns fortbewegen, in dem, was wir verzehren, in fast allem, was wir konsumieren. Wir müssen die größte und vor allem schnellste Transformation leisten, die es in der Menschheitsgeschichte je gab.

 

„Wir hätten es ja schrittweise machen können, wenn wir in den Neunzigern damit angefangen hätten. Aber wir haben versagt. Was wir in jener Zeit taten: Wir haben einen kohlenstoffintensiven Lebensstil globalisiert, wir haben diesen konsumistischen Lebensstil exportiert, nach China, nach Indien.“

NAOMI KLEIN

 

Technologie allein wird uns nicht helfen. Wir können das Problem nicht mit der Denkweise lösen, mit der wir es verursacht haben. Der Glaube an Technologie dient nur dazu, nichts Grundsätzliches an unserer Lebensweise und unserem Wirtschaftssystem zu ändern. Häufig führt Steigerung der Energie-Effizienz sogar zu einem erhöhten Gesamtverbrauch: Effizientere Technologie wird häufiger eingesetzt.[14] Solange Effizienzsteigerungen nur eingeführt werden, um Wachstum zu erzeugen, befinden wir uns in einem Teufelskreis.

Greifbar wird die Technologie-Falle an zwei Beispielen: der Mobilität und der Landwirtschaft. Der Umstieg auf Elektro-Mobilität verursacht weitere ökologische Schäden durch den gestiegenen Bedarf an Lithium-Ionen-Akkus. Wir brauchen also nicht nur eine technologische Lösung, sondern eine erhebliche Reduktion des Individualverkehrs.

Auch in der Landwirtschaft führt mehr Technologie nicht zu einer besseren Umweltbilanz. Gerade Rinderhaltung trägt zur schlechten Klimabilanz der Landwirtschaft bei. Das ändert sich auch nicht durch Weidehaltung, denn sie ist nicht nachhaltig genug.[15] Bessere Nutzung von Ressourcen ist zwar wünschenswert, doch wir brauchen auch den Blick für das Ganze: Tierprodukte versorgen die Menschheit mit 20 Prozent der Kalorien, brauchen jedoch 80 Prozent der gesamten Ackerflächen weltweit.[16] Ohne Tierproduktion würde der Bedarf an Ackerflächen um 75 Prozent sinken. Diese Fläche wäre dann beispielsweise verfügbar, um durch Wiederaufforstung der Atmosphäre Treibhausgase zu entziehen.

Unsere Generation darf es nicht so weit kommen lassen, dass der Klimawandel sich rapide beschleunigt und die Lebensgrundlage aller Menschen zerstört. Neben unserem ganz privaten Klimaschutz muss es endlich wirkungsvolle politische Lösungen geben, um Mobilität, Wohnen, Konsum und Ernährung klima-neutral zu gestalten. Wir müssen für Klimagerechtigkeit kämpfen. Wir müssen andere überzeugen, sich umfassend zu informieren und eine progressive Klimapolitik zu wählen. Und vor allem müssen wir Druck von unten aufbauen, protestieren, uns organisieren, politisch aktiv werden. Eine Zukunft oder keine – wir haben nicht mehr viel Zeit: Laut Sonderbericht des IPCC bleiben uns noch 12 Jahre, um die Emissionen auf die Hälfte zu reduzieren. Handeln wir also – jetzt!

 

So können Sie aktiv werden

Protestieren, zum Beispiel via Petition oder auf einer Demo wie dieser hier: https://www.klima-kohle-demo.de/

Stromanbieter wechseln, weg vom Kohlestrom: https://www.oekostromanbieter.org/

Klimafreundlich essen:[17] https://vebu.de/

Für die Agrarwende eintreten: https://www.wir-haben-es-satt.de/

Immer öfter Fahrradfahren und den Ausbau der Fahrradinfrastruktur unterstützen: https://www.aufbruch-fahrrad.de/

Sich einer Initiative anschließen, zum Beispiel:

Fossil Free Deutschland: https://gofossilfree.org/de/

Bürgerenergie – in vielen Städten und Gemeinden, z.B. hier in Berlin: https://www.buerger-energie-berlin.de/

Kohle nur noch zum Grillen: http://kohle-nur-noch-zum-grillen.de/

Ende Gelände: https://www.ende-gelaende.org/de/

Animal Climate Action: https://animal-climate-action.org/de/

Extinctinction Rebellion:  https://extinctionrebellion.de/

Gastivists: http://www.gastivists.org/

Robin Wood: https://www.robinwood.de/

Greenpeace: https://www.greenpeace.de/

Naturfreunde: https://www.naturfreunde.de/

BUND: https://www.bund.net/

 

„Ja, wir könnten was gegen den Klimawandel tun, aber wenn wir dann in 50 Jahren feststellen würden, dass sich alle Wissenschaftler doch vertan haben und es gar keine Klimaerwärmung gibt, dann hätten wir völlig ohne Grund dafür gesorgt, dass man selbst in den Städten die Luft wieder atmen kann, dass die Flüsse nicht mehr giftig sind, dass Autos weder Krach machen noch stinken und dass wir nicht mehr abhängig sind von Diktatoren und deren Ölvorkommen. Da würden wir uns schön ärgern.“

MARC-UWE KLING

 

Dieser Beitrag wurde verfasst von: Thomas Frenzel, Anne Weiss

Quellen:

[1] IPCC-Sonderbericht über die Folgen einer globalen Erwärmung um 1,5 °C, siehe: http://www.ipcc.ch/report/sr15/

[2] https://link.springer.com/article/10.1007/s00376-018-7160-4

[3] Siehe auch: https://climate.nasa.gov/vital-signs/global-temperature/

[4] https://www.nytimes.com/interactive/2018/08/01/magazine/climate-change-losing-earth.html

[5] Siehe Cook, Klimainstitut der University of Queensland, 2013 und 2016: http://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/11/4/048002; Oreskes, University of California, 2004/2005: http://science.sciencemag.org/content/306/5702/1686; Anderegg, Universität von Utah, 2010: http://www.pnas.org/content/107/27/12107.

[6] https://www.nytimes.com/interactive/2018/01/18/climate/hottest-year-2017.html

[7] https://www.climate.gov/news-features/featured-images/past-three-decades-warmest-record

[8] Notz, Dirk/Stroeve, Julienne: „Observed Arctic sea-ice loss directly follows anthropogenic CO2 emission“, siehe: http://science.sciencemag.org/content/354/6313/747

[9] Germanwatch: Klima-Risiko-Index 2016: https://germanwatch.org/de/kri

[10] Siehe unter anderem Dürremonitor des Helmholtz Zentrum für Umweltforschung: http://www.ufz.de/index.php?de=37937

[11] Siehe: http://www.unhcr.org/climate-change-and-disasters.html

[12] Quelle: WWF: „Wildlife in a Warming World“, 2018: http://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF-Report-Wildlife-in-a-Warming-World.pdf

[13] http://www.pnas.org/content/115/33/8252

[14] LEDs sind eine der wenigen Ausnahmen, bei der die Effizienzrevolution auch zur Senkung des Energiebedarfs geführt hat. Ein gutes Beispiel für einen Ersatz, der nicht funktioniert, ist jedoch Car-Sharing. Laut einer Studie des Ökoinstituts und des ISOE reduziert sich dadurch weder die Abgasmenge noch die Menge der Autos auf den Straßen in signifikanter Weise: https://www.oeko.de/fileadmin/oekodoc/share-Wissenschaftliche-Begleitforschung-zu-car2go-mit-batterieelektrischen-und-konventionellen-Fahrzeugen.pdf

[15] www.youtube.com/watch?v=nub7pToY3jU

[16] https://www.theguardian.com/environment/2018/may/31/avoiding-meat-and-dairy-is-single-biggest-way-to-reduce-your-impact-on-earth

[17] https://www.theguardian.com/environment/2018/may/31/avoiding-meat-and-dairy-is-single-biggest-way-to-reduce-your-impact-on-earth